„EPD“ ist kein geschützter Markenbegriff, sondern eine Sammelbezeichnung für Dokumente, die nach ISO 14025 entstehen. Zwischen den großen Programmhaltern gibt es aber deutliche Unterschiede – nicht in der Grundlogik, sondern in Branchenfokus, Kernnorm, Governance und Verifizierungsansatz. Der Beitrag vergleicht drei Programme, die für den europäischen Baustoffmarkt besonders relevant sind: das deutsche IBU, das schwedische International EPD System (Environdec) und das französische PEP ecopassport.
IBU – Institut Bauen und Umwelt e. V.
IBU beschreibt sich selbst als Programmhalter für Umweltproduktdeklarationen „in Übereinstimmung mit der Norm EN 15804″ und richtet sich – anders als Environdec – nicht branchenübergreifend, sondern ausdrücklich an Hersteller von Bauprodukten und Bauteilen. Träger ist ein eingetragener Verein von Bauproduktherstellern, keine staatliche Stelle. Die fachliche Letztinstanz innerhalb des Programms ist der Sachverständigenrat (SVR), besetzt mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Normung, Bau- und Umweltbehörden sowie Naturschutzverbänden. Der SVR prüft und gibt Produktkategorieregeln frei, überwacht die Normenkonformität des Programms und beruft die Verifizierer und Verifizierinnen, die einzelne EPDs prüfen. Mit rund 2.565 veröffentlichten EPDs (Stand der Recherche) ist IBU nach Environdec und PEP ecopassport eines der größeren, aber sektoral spezialisierten Programme.
International EPD System / Environdec
Das schwedische Pendant verfolgt einen anderen Zuschnitt: branchenübergreifend statt bausektorspezifisch, mit Produktkategorieregeln für Baustoffe ebenso wie für Lebensmittel, Textilien oder Dienstleistungen. Betrieben wird es von der EPD International AB mit Sitz in Stockholm, einer hundertprozentigen Tochter des IVL Swedish Environmental Research Institute – einer gemeinnützigen Forschungseinrichtung, die je zur Hälfte vom schwedischen Staat und von der schwedischen Industrie getragen wird. Das Programm selbst ist nach ISO 9001 zertifiziert (durch Bureau Veritas Sweden und das Swedish Institute for Standards) und versteht sich nach eigener Aussage als das „weltweit erste und am längsten durchgehend betriebene“ EPD-Programm, gegründet 1998. Für Bauprodukte gilt auch hier EN 15804 als Kernregelwerk; für andere Branchen kommen andere internationale PCR-Ansätze zum Einsatz. Mit inzwischen über 23.000 EPDs ist es das mit Abstand größte der hier verglichenen Programme.
PEP ecopassport®
PEP ecopassport verfolgt einen dritten Ansatz: Es ist von vornherein branchenspezifisch für Elektro-, Elektronik- und Heizungs-/Klimatechnik konzipiert und wurde 2009/2010 in Frankreich im Umfeld des „Grenelle de l’Environnement“ – des französischen Umweltgesetzgebungsprozesses jener Jahre – initiiert. Als Kernnorm dient nicht EN 15804, sondern EN 50693, die speziell auf elektrische und elektronische Geräte zugeschnitten ist. Für Gebäudetechnik-Hersteller, die etwa Lüftungsanlagen, Schaltschränke oder Beleuchtungssysteme deklarieren wollen, ist PEP ecopassport deshalb oft der einschlägigere Programmhalter als IBU oder Environdec, selbst wenn das Endprodukt in ein Bauwerk eingebaut wird. Seit Februar 2025 besteht zudem eine Vereinbarung zur gegenseitigen Anerkennung mit dem International EPD System, wonach produktspezifische Regeln von PEP (PSR) als PCR bei Environdec übernommen werden können und umgekehrt.
Die drei Programme im direkten Vergleich
MerkmalIBUEnvirondec / International EPD SystemPEP ecopassport
SitzDeutschlandSchwedenFrankreich
BranchenfokusBauproduktebranchenübergreifendElektro-, Elektronik-, Klimatechnik
KernnormEN 15804EN 15804 (Bau) bzw. produktspezifische PCR (andere Branchen)EN 50693
Trägerschafteingetragener Verein der BauprodukteherstellerTochtergesellschaft eines staatsnah/industriell getragenen ForschungsinstitutsVerband/Konsortium der Elektrobranche
Fachliche LetztinstanzSachverständigenrat (SVR)Technisches Komitee / Sekretariat in StockholmPEP-Association-Gremien
Gegründetgenaues Gründungsjahr des Vereins hier nicht verifiziert; als EPD-Programmhalter seit den 2000er-Jahren aktiv19982009/2010
Größenordnungrund 2.565 EPDsüber 23.000 EPDsüber 12.000 PEPs
Verifizierungsansatz: gemeinsame Basis, unterschiedliche Organisation
Alle drei Programme verlangen nach ISO 14025 eine unabhängige Prüfung durch Dritte, bevor eine Deklaration veröffentlicht wird – hierin unterscheiden sie sich nicht. Unterschiede liegen in der Organisation der Prüfung: Bei IBU wählt nicht der Hersteller, sondern das Institut selbst die verifizierende Person aus einem vom Sachverständigenrat berufenen Kreis aus, und der Hersteller zahlt eine Pauschale an IBU statt die Vergütung direkt mit dem Verifizierer zu verhandeln. Wie Environdec und PEP ecopassport ihre jeweiligen Verifizierer im Einzelnen auswählen und vergüten, war im Rahmen dieser Recherche nicht im gleichen Detail zu klären; beide verlangen aber ebenfalls Prüfungen durch unabhängige, zugelassene Gutachterinnen und Gutachter.
Woran sich der Programmhalter einer EPD erkennen lässt
Für die praktische Prüfung eines vorliegenden Dokuments lohnt ein Blick auf drei Stellen: die Deklarationsnummer, deren Format je Programm unterschiedlich aufgebaut ist, das Logo bzw. den Programmnamen auf der Titelseite, und den Verweis auf die verwendete PCR samt Ausgabestand. Eine IBU-EPD nennt in aller Regel die zugrunde liegende PCR-Dokumentnummer und das Ausstellungsdatum des Verifizierers; eine über Environdec veröffentlichte EPD verweist zusätzlich auf die jeweilige „Product Category Rules“-Version im internationalen PCR-Register. Wer ein Produkt mit mehreren Auslandsmärkten beschafft, kann so ohne Rückfrage beim Hersteller einordnen, welchem Regelwerk die vorliegende Deklaration folgt – und ob sie sich mit einer anderen EPD, die einem anderen Programm entstammt, überhaupt sinnvoll vergleichen lässt.
Relevanz für den deutschen Markt
Für ein Bauprodukt, das primär in Deutschland vertrieben wird, ist IBU aus zwei Gründen häufig die naheliegende Wahl: Erstens speist sich die deutsche Ökobaudat-Datenbank, auf die deutsche Gebäudezertifizierungssysteme referenzieren, maßgeblich aus IBU-Daten und vergleichbaren Quellen. Zweitens harmonisiert die DGNB ihre Zertifizierungskriterien nach eigener Darstellung mit den Anforderungen des staatlichen Qualitätssiegels Nachhaltiges Gebäude (QNG); die dort verlangten Ökobilanzdaten stützen sich typischerweise auf EPDs nach EN 15804, unabhängig davon, über welchen ECO-Platform-Programmhalter sie veröffentlicht wurden. Ein Hersteller, der ausschließlich außerhalb Deutschlands tätig ist oder branchenübergreifend deklarieren will, ist mit Environdec oft besser bedient; für Elektro- und Klimatechnik-Komponenten in Gebäuden ist PEP ecopassport oft die branchenspezifisch passendere Adresse.
Anzeige: In eigener Sache — die Zurynski, Oezdogan & Co GmbH betreibt diese Website und vertreibt zugleich das hier als Beispiel herangezogene Produkt PSCoat. Anders als die drei oben verglichenen EPD-Programme selbst stellt PSCoat kein Umweltprodukt-Datenblatt zur Verfügung; es handelt sich laut Anbieter um eine nanotechnologiebasierte Dünnschicht-Wärmedämmung für Gebäudehüllen, Dächer und technische Anlagen mit 1 bis 3 mm Schichtstärke. Technische Unterlagen führt der Anbieter auf der Produktseite von PSCoat.
Für ein Beschichtungssystem wie im Anzeige-Absatz beschrieben wäre – sollte es künftig eine EPD anstreben – die Zuordnung zunächst zu klären: Ein Dünnschichtsystem für Gebäudehüllen liegt inhaltlich näher an klassischen Bauprodukt-PCR (und damit an IBU oder Environdec) als an der Elektro-/Klimatechnik-Systematik von PEP ecopassport. Diese Einordnung ist hier rein methodisch gemeint; eine EPD für PSCoat liegt öffentlich nicht vor, und dieser Beitrag stellt keine in Aussicht.
Fazit: Wahl des Programms folgt dem Produkt, nicht dem Standort
Die drei Programme konkurrieren weniger um dieselben Hersteller, als dass sie sich über Produktkategorie und Absatzmarkt sortieren. Wer ein klassisches Bauprodukt primär in Deutschland vertreibt, landet in aller Regel bei IBU. Wer international und branchenübergreifend deklariert, wählt eher Environdec. Wer Elektro- oder Klimatechnik für Gebäude herstellt, ist bei PEP ecopassport an der richtigen Adresse, selbst wenn das Produkt am Ende in ein Bauwerk eingebaut wird. Für die technischen Einzelheiten, die hinter jeder dieser Deklarationen stehen – Module, Systemgrenzen, PCR-Prozess und Verifizierungsschritte im Detail –, verweist dieser Beitrag auf die technisch orientierten Beiträge dieser Redaktion.
Was für diesen Beitrag geprüft wurde
Die Selbstbeschreibung von IBU (Fokus Bauprodukte, EN 15804, Rolle des Sachverständigenrats) wurde direkt auf ibu-epd.com geprüft.
Die Angaben zu Environdec/International EPD System (Gründung 1998, Trägerschaft durch IVL, ISO-9001-Zertifizierung) wurden direkt auf environdec.com geprüft.
Die Angaben zu PEP ecopassport (Gründungskontext 2009/2010, EN 50693, Stückzahlen, MRA mit Environdec seit Februar 2025) stammen aus Sekundärquellen (u. a. epd.guide, evea-conseil.com) und wurden nicht direkt auf pep-ecopassport.org gegengeprüft.
Das genaue Gründungsjahr von IBU als Verein bzw. als aktiver EPD-Programmhalter wurde für diesen Beitrag nicht abschließend verifiziert; die Angabe „seit den 2000er-Jahren aktiv“ ist bewusst vage gehalten, bis eine genaue Jahreszahl mit Primärquelle vorliegt.
Wie Environdec und PEP ecopassport ihre Verifizierer im Detail auswählen, vergüten und schulen, wurde nicht recherchiert; nur der IBU-Prozess ist im Detail primärquellenbasiert dargestellt.
Die Aussage zur Ökobaudat-Datenbank und zur DGNB/QNG-Harmonisierung ist allgemein gehalten; die konkreten Anerkennungsregeln einzelner DGNB-Kriterien (z. B. ENV1.1) wurden nicht im Detail geprüft.
Zu PSCoat wird ausdrücklich keine eigene EPD, PCR-Zuordnung oder Programmzugehörigkeit behauptet.