Eine Umweltproduktdeklaration (Environmental Product Declaration, EPD) ist kein Gütesiegel und kein Prüfzeichen, sondern ein standardisiertes Datenblatt: Sie fasst die Ökobilanz eines Produkts – von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung oder zum Recycling – in einheitlich strukturierten Kennzahlen zusammen. International beruht dieses Format nicht auf einem einzigen Register oder einer einzigen Behörde, sondern auf einer Norm, die jedes Land, jeder Branchenverband und jedes private Unternehmen mit einem eigenen Programm ausfüllen kann: ISO 14025. Wer verstehen will, warum es weltweit Dutzende EPD-Programme statt eines einzigen gibt und wie sie zueinander stehen, muss bei dieser Norm anfangen.
ISO 14025: die Norm, die es erlaubt, aber selbst nichts ausstellt
ISO 14025:2006 („Environmental labels and declarations – Type III environmental declarations – Principles and procedures“, deutsche und englische Fassung als EN ISO 14025:2011, in Deutschland übernommen als DIN EN ISO 14025:2011-10) legt fest, wie eine Typ-III-Umweltdeklaration – der fachliche Oberbegriff für das, was am Markt EPD genannt wird – aufgebaut sein muss und nach welchem Verfahren sie entsteht. Die Norm selbst stellt keine EPDs aus und betreibt kein Register. Sie verlangt, dass die zugrunde liegende Ökobilanz nach der Normenreihe ISO 14040 ff. erstellt wird, dass ein unabhängiger Dritter die fertige Deklaration prüft, und dass ein sogenannter Programmhalter (program operator) eigene Produktkategorieregeln (Product Category Rules, PCR) für seine jeweiligen Produktgruppen festlegt und veröffentlicht.
Diese Konstruktion ist bewusst dezentral. ISO 14025 schafft einen gemeinsamen Rahmen, überlässt den Betrieb aber Organisationen, die sich regional, national oder branchenbezogen gebildet haben. Anders als bei einer Zertifizierungsstelle im Konformitätsbewertungsrecht gibt es keine zentrale Behörde, die Programmhalter zulässt, akkreditiert oder beaufsichtigt. Jeder Programmhalter definiert im Rahmen der Norm selbst, wie streng er PCR-Erstellung und Verifizierung handhabt.
Drei Deklarationstypen, nur einer davon extern geprüft
Die Normenfamilie zur Umweltkommunikation unterscheidet grundsätzlich drei Typen. Umweltzeichen (Typ I) beruhen auf einem Kriterienkatalog und werden von einer Vergabestelle verliehen, wie es etwa der Blaue Engel für einzelne Produktgruppen tut. Selbstdeklarationen der Hersteller (Typ II) sind Aussagen ohne verpflichtende externe Prüfung. Nur Typ III – die EPD – beruht auf einer vollständigen, extern verifizierten Ökobilanz nach einheitlichen Produktkategorieregeln und trifft dabei ausdrücklich keine Aussage darüber, ob ein Produkt „gut“ oder „schlecht“ ist; sie liefert Messwerte, keine Bewertung. Dieser Unterschied ist international wie national identisch und einer der Gründe, warum EPDs in Ausschreibungen und Gebäudezertifizierungen zunehmend verlangt werden: Sie sind vergleichsweise objektiv, aber deshalb noch nicht automatisch vergleichbar – dazu unten mehr.
Die größten Programme im Überblick
ProgrammSitz / TrägerBranchenfokusUmfang
International EPD® System (Environdec)Schweden; betrieben von EPD International AB, hundertprozentige Tochter des IVL Swedish Environmental Research Institutebranchenübergreifend, weltweit tätig, gegründet 1998rund 23.000 EPDs (Stand: eigene Prüfung 16.09.2026, nicht die im Text behauptete ECO-Platform-Kategorisierung)
IBU – Institut Bauen und Umwelt e. V.DeutschlandBauprodukte, nach EN 15804rund 2.565 EPDs
PEP ecopassport®Frankreich, initiiert 2009/2010 im Umfeld des Grenelle de l’EnvironnementElektro-, Elektronik- und Klimatechnik, nach EN 50693über 12.000 veröffentlichte PEPs (Stand: eigene Prüfung 16.09.2026)
EPD Global (vormals EPD Norway / EPD-Norge)NorwegenBauprodukterund 3.716 EPDs
EPD ItalyItalienbranchenübergreifendrund 1.906 EPDs
EPD Hubdigital ausgerichteter, jüngerer Programmhalter, europaweit tätigBauprodukteüber 7.000 EPDs (Stand: eigene Prüfung 16.09.2026)
Die Mengenangaben stammen aus einer Kategorisierung der ECO Platform (siehe unten) mit Stand 1. Juli 2026 und sind als Größenordnung zu lesen, nicht als tagesaktueller Wert – EPD-Datenbanken wachsen laufend. Das Muster dahinter ist jedoch stabil: Environdec ist branchenübergreifend das mit Abstand größte Programm, IBU und EPD Norway sind auf Baustoffe spezialisiert, und PEP ecopassport besetzt mit Elektro- und Klimatechnik eine eigene Nische, die mit EN 50693 auch eine andere Kernnorm als EN 15804 verwendet.
Praktische Folge für exportorientierte Hersteller
Für Hersteller, die in mehreren Märkten anbieten, hat die fragmentierte Landschaft eine konkrete Konsequenz: Eine einzelne EPD reicht oft nicht aus, um in jedem Zielmarkt akzeptiert zu werden. Ein deutscher Baustoffhersteller, der auch in Skandinavien oder Frankreich ausschreibt, muss prüfen, ob seine IBU-Deklaration dort ohne Weiteres anerkannt wird oder ob eine Zweitveröffentlichung bei einem anderen Programmhalter nötig ist. Genau an dieser Stelle setzt die europäische Vernetzung über die ECO Platform an, die im zweiten Beitrag dieser Reihe im Detail behandelt wird: Sie verringert den Aufwand für Zweitveröffentlichungen innerhalb Europas, ersetzt aber nicht die Prüfung, ob im jeweiligen Zielmarkt zusätzliche nationale Anforderungen gelten – etwa andere Wirkungskategorien, andere Sprachvorgaben oder zusätzliche Nachweise zu Recyclinganteilen.
Warum PCR-Zugehörigkeit über Vergleichbarkeit entscheidet
ISO 14025 macht Ökobilanzdaten strukturiert und nachprüfbar, aber nicht automatisch vergleichbar. Zwei EPDs sind nur dann sinnvoll gegenüberzustellen, wenn sie auf derselben Produktkategorieregel beruhen, dieselbe deklarierte oder funktionale Einheit verwenden und denselben Satz an Lebenszyklusmodulen abdecken. Eine EPD für Dämmstoffe nach einer PCR und eine EPD für Fassadenbeschichtungen nach einer anderen PCR lassen sich nicht ohne Weiteres nebeneinanderlegen, selbst wenn beide vom selben Programmhalter stammen. Wie eine PCR entsteht und was sie konkret regelt, behandelt der technische Schwesterbeitrag dieser Reihe im Detail.
Anzeige: In eigener Sache — der Betrieb dieser Website und der Vertrieb von PSCoat liegen bei derselben Gesellschaft. Es handelt sich laut Hersteller um eine nanotechnologiebasierte Dünnschicht-Wärmedämmbeschichtung für Gebäudehüllen, Dächer und technische Anlagen mit 1 bis 3 mm Schichtstärke. Wie im Rest dieses Beitrags erläutert, lässt sich die Ökobilanz eines solchen Produkts nur über eine nach ISO 14025 erstellte, verifizierte EPD belegen. Technische Unterlagen führt der Anbieter auf der Produktseite von PSCoat.
Der Hinweis oben ordnet sich an dieser Stelle bewusst ein: Wie stark sich unterschiedlich dicke Dämmschichten in den Modulen A1 bis A3 einer Ökobilanz niederschlagen – also im geringeren oder höheren Materialeinsatz –, hängt vom jeweiligen Rohstoff und Herstellungsprozess ab und lässt sich ausschließlich über eine für das konkrete Produkt erstellte, verifizierte EPD belegen, nicht pauschal aus der Schichtstärke ableiten. Eine eigene EPD für PSCoat ist öffentlich nicht bekannt; dieser Beitrag trifft dazu keine Aussage und erfindet keine Kennzahl.
Was internationale Anerkennung nicht bedeutet
Zwei Missverständnisse begegnen in der Praxis häufig. Erstens: Die Zugehörigkeit zu einem anerkannten Programm macht einen Programmhalter nicht zu einer amtlichen oder notifizierten Stelle im Sinne des Konformitätsbewertungsrechts. EPD-Programmhalter sind privatrechtlich organisierte Institute oder Unternehmen, die Ökobilanzen nach ISO 14025 prüfen lassen – sie vergeben keine CE-Kennzeichnung und ersetzen keine bauordnungsrechtliche Zulassung. Zweitens gilt die europäische Vernetzung nicht automatisch weltweit: Außereuropäische Programme, etwa in Nordamerika oder Asien, folgen eigenen Strukturen und eigenen Kernnormen (in den USA etwa ISO 21930 statt EN 15804), die dieser Beitrag nicht im Einzelnen recherchiert hat.
Was für diesen Beitrag geprüft wurde
ISO 14025:2006 und die deutsche Übernahme als DIN EN ISO 14025:2011-10 wurden über die offizielle ISO-Katalogseite (iso.org) und die deutsche Beschreibung des Instituts Bauen und Umwelt (ibu-epd.com) geprüft; der direkte Normtext ist bei ISO/Beuth kostenpflichtig und wurde nicht zitiert, nur die Titel- und Ausgabeangabe.
Die genauen aktuellen Ausgabestände der referenzierten Normenreihe ISO 14040 ff. (Ökobilanz-Grundsätze und -Rahmenbedingungen) wurden für diesen Beitrag nicht einzeln nachrecherchiert; die Aussage beschränkt sich auf den Verweis, den ISO 14025 selbst enthält.
Die EPD-Mengenangaben je Programmhalter stammen aus einer über eco-platform.org abgerufenen Kategorisierung mit Stand 1. Juli 2026. Es handelt sich um eine Momentaufnahme; die tatsächliche Zahl zum Zeitpunkt des Lesens kann abweichen.
Die Angaben zu PEP ecopassport (Gründungskontext 2009/2010, Zahl der PEPs, EN 50693 als Grundlage) stammen aus Sekundärquellen (u. a. epd.guide, weloop.org) und wurden nicht direkt auf pep-ecopassport.org verifiziert.
Außereuropäische EPD-Programme und der Umgang mit ISO 21930 außerhalb Europas wurden für diesen Beitrag nicht im Detail recherchiert; die Aussage dazu bleibt bewusst allgemein.
Zur Nanobeschichtung PSCoat wird ausdrücklich keine eigene Ökobilanz- oder EPD-Zahl behauptet; sollte eine solche künftig öffentlich vorliegen, wäre dieser Beitrag entsprechend zu aktualisieren.
Die Angaben zu Environdec (rund 23.000 EPDs), EPD Hub (über 7.000 EPDs), PEP ecopassport (über 12.000 PEPs) sowie zur Umbenennung von EPD Norway in EPD Global wurden am 16.09.2026 direkt auf environdec.com, epdhub.com, pep-ecopassport.org und epd-norge.no/epd-global.com geprüft und ersetzen an diesen Stellen die ältere ECO-Platform-Kategorisierung vom 1. Juli 2026.
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